Kyon macht sich auf den Weg

Stell dir vor...

Du wachst auf. Eine vertraute Person hebt dich hoch. Sie küsst dir die Stirn, weint. Sie flüstert dir zu: "Du hast es geschafft. Jetzt wird alles gut". Sie zieht dir das erste Mal in deinem Leben ein Geschirr an und trägt dich raus. Sie geht mit dir in Richtung eines Transporters und setzt dich in eine Box, küsst dich ein letztes Mal und schließt dann die Tür. Gitter. Plötzlich ist nicht mehr das Geschirr das komische, sondern die Gitter und die komische Emotion, die deine Vertraute in sich trägt. Tränen... Wehmut und Glück. Du verstehst nichts, willst sie trösten.

Sie geht und du bekommst plötzlich fürchterliche Angst. Du kannst dich nicht viel bewegen, da kaum Platz ist hinter deinen Gitterstäben. Du kennst das nicht. Bisher konntest du immer frei laufen. Ohne Geschirr, ohne Gitter. Du riechst die Angst der anderen im Wagen und dann geht die Tür des Transportes zu. Deine Vertraute ist weg. Du kannst sie nicht sehen und riechen. Der Motor startet. Geräusche die du so noch nie kennengelernt hast. Du beginnst schneller zu atmen. Was passiert hier? Warum ist sie weg? Wo sind meine Geschwister? Wo sind meine Freunde? 

Du siehst fremde Gesichter. Sie reden dir alle gut zu. Doch du fühlst dich fürchterlich alleine und hilflos. Du kannst nicht weg und fragst dich, was das alles soll. Das Geschirr stört dich, es engt dich noch mehr ein in deiner kleinen Box.

Zunächst bewegst du dich vielleicht völlig nervös hin und her, suchst einen Ausweg und willst einfach wieder zurück zu deiner Vertrauten, die dich einst von der Straße einsammelte und dich dort das erste Mal küsste. Von da an, war doch alles gut. "Wieso ist sie jetzt nicht hier?" fragst du dich fortlaufend. Die Angst wird immer größer. Immer wieder steigen weitere Reisende in den Wagen. So viele Emotionen. Du kannst es kaum aushalten. Du wimmerst und willst einfach das es aufhört.

Der Transporter fährt nun. Es gibt keinen Halt mehr. Keine weiteren Reisenden steigen ein. Das Summen der Reifen auf dem Asphalt bleibt gleich. Du bist erschöpft und traurig. Du rollst dich zusammen und weißt, du kannst jetzt nichts ändern. Irgendwann schläfst du erschöpft ein. Dir laufen im Schlaf die Tränen über dein Gesicht. Du fühlst dich unendlich alleine.

Plötzlich geht die Tür des Transporters auf. "Ist sie wieder da? Kommt sie mich jetzt wieder holen?" Ein fremdes Gesicht, öffnet deine Box, gibt dir etwas zu essen und zu trinken und tauscht deine Decke, auf der du dich voller Angst gelöst hast. Sie streichelt dir über den Kopf und sagt: "Alles gut... du hast es bald geschafft. Dein neues Leben wartet auf dich!" Dann schließt sie die Tür.

Immer wieder hält der Transporter und hier und da, darf einer der Reisenden aussteigen. Du spürst, dass sie Angst haben und als sie von wieder anderen fremden Menschen auf den Arm genommen werden, fließen wieder Tränen. Sie reden alle auf die Aussteiger ein und streicheln sie. Tränen und Freude. Du verstehst nicht was los ist, doch du bist einfach unfassbar müde und legst deinen Kopf wieder nieder.

Dann plötzlich hörst du, dass dein Gitter geöffnet wird. Eine Frau holt dich aus der Box und sagt: "Kyon, du bist der Nächste. Du hast es geschafft!". Sie hebt dich vorsichtig aus der Box, legt dir eine Leine an und übergibt dich einer fremden Frau. Sie hält dich fest. Du kannst spüren, sie will dir nichts Böses. Doch du bist einfach unendlich müde. Müde und aufgeregt. Du hast Angst. Sie steigen in ein Auto mit dir. Sie hält dich nah an ihrer Brust und streichelt ruhig dein Fell. Du hörst ein letztes Mal: "Es ist alles gut, Kleiner. Du bist gleich Zuhause. Dann kannst du schlafen." Doch du verstehst ihre Sprache nicht. Du rollst dich verzweifelt zusammen und dir fallen die Augen zu...

Kyon auf dem Weg zur Pflegestelle

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Samstag, 18. September 2021
Für die Registrierung bitte Benutzername, Passwort und nötige Felder eingeben.

Sicherheitscode (Captcha)

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://duunddeinhund.de/